Sowi in der Oberstufe: Wenn die didaktische Progression ein Kreis ist.

Inhaltsfeld 1: Gestaltung der Marktwirtschaft
Inhaltliche Schwerpunkte:
- Grundannahmen der Marktwirtschaft
- Leistungsfähigkeit des Marktes und Marktversagen
- Wettbewerbs- und Ordnungspolitik
- nachhaltiges Wirtschaften: Konstistenz, Effizienzund Suffizienz

Quelle: MSB NRW (2025): Kernlehrplan für die Sekundarstufe II. Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Sozialwissenschaften, Sozialwissenschaften/Wirtschaft (Entwurf Beteiligungsverfahren 31.7.2025). Düsseldorf. S. 18

In der Didaktik gibt ein bewährtes Prinzip: Progression. Ich fange in Englisch nicht mit Shakespeare an, sondern mit dem Simple Present und benutze Situationen aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler als Aufhänger des Unterrichts. Das Prinzip findet man schon bei Comenius im 17. und bei Pestalozzi im 19. Jahrhundert; es ist also alles andere als eine revolutionäre Neuerung. Es besagt, dass man im Unterricht von Einfachen zum Komplexen gehen soll, vom Bekannten zum Unbekannten, vom Einzelphänomen zum Ganzen, vom Konkreten zum Abstrakten also. Das macht den Schülerinnen und Schülern das Begreifen einfacher und hat sich seit Jahrhunderten bewährt.

Für den Wirtschaftsunterricht sollte man also erwarten, dass die Schülerinnen und Schüler im Laufe eines Bildungsgangs beim eigenen wirtschaftlichen Handeln anfangen, darüber die Mikroökonomik erschließen, später die Makroökonomik und sich schließlich mit Fragen der Wirtschaftspolitik und Ordnungsfragen beschäftigen. So ist beispielsweise die Sekundarstufe I im Fach Wirtschaft-Politik in Nordrhein-Westfalen organisiert, aber auch das Fach Wirtschaft und Recht in Bayern sowie Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung in Baden-Württemberg in der Sekundarstufe I.

Im Fach Sozialwissenschaften in der Sekundarstufe II in Nordrhein-Westfalen war das bisher anders – und so soll es nach dem derzeit kursierenden Entwurf für einen neuen Kernlehrplan auch bleiben.

Die Sekundarstufe II ist in die EF (Einführungsphase, also die Jahrgangsstufe 11) sowie die Q1 und Q2 (Qualifikationsphase 1 und 2, also die Jahrgangsstufen 12 und 13) aufgeteilt. In der EF wird nur in Grundkursen unterrichtet, ab der Q1 auch in Leistungskursen. Die Inhalte und Kompetenzen, die es in der EF zu erwerben gilt, zählen nicht für das Abitur, sondern nur die der Q-Phase.

Schaut man in die EF, findet man das obige Inhaltsfeld. In ihm sind Sachverhalte vereinigt, die auf komplett unterschiedlichen Abstraktionsniveaus angesiedelt sind: Laut den (hier nicht abgebildeten) detaillierteren Kompetenzerwartungen geht es weiterhin einerseits um „Knappheit und Bedürfnisse“, „Marktmodell und die Preisbildungsprozesse“ sowie andererseits um „Wettbewerbspolitik“, „Wirkungszusammenhänge auf internationalen Märkten“, „Grundlagen sowie Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft“ und Aspekte „nachhaltigen Wirtschaftens“ (ebd.). Wir haben es also mit einem wilden Potpourri aus Mikroökonomik und Ordnungsfragen zu tun.

In der Q-Phase dagegen – ein bis zwei Jahre später also – sind weite Teile der Makroökonomik und der Wirtschaftspolitik angesiedelt (ebd., S. 23ff.), von der Konjunktur- und Wachstumspolitik, der Fiskalpolitik über Sozialpolitik bis zu EU-Wirtschaftspolitiken. Dass wir es dabei insgesamt mit einem eher gestrigen fachwissenschaftlichen Stand zu tun haben, das ist in diesem Blogbeitrag ausgeführt. Das heißt aber für die EF: Die Schülerinnen und Schüler sprechen komplett abstrakt über die Soziale Marktwirtschaft ohne Bezug zur konkreten Wirtschaftspolitik, denn die ist außer der Wettbewerbspolitik laut Kernlehrplan erst ein Jahr später dran.

Diese „Progression“ innerhalb der Sekundarstufe II wäre vielleicht verwirrend, aber für viele Schülerinnen und Schüler nicht weiter tragisch, wäre da nicht das Zentralabitur: Es bezieht sich nur auf die Q-Phase. Damit diskutieren die Schülerinnen und Schüler im Zentralabi – und weil ich als Lehrkraft darauf vorbereiten will – auch im Unterricht davor wiederum über wirtschaftspolitische Fragen, aber ohne mikroökonomische Fundierung und ohne ordnungspolitische Rahmung. Die EF findet im Abi schließlich nicht statt.

Nun könnte man sich auf einen pragmatischen Standpunkt zurückziehen. Wieder das Beispiel aus dem Englischunterricht: Natürlich geht es im Abitur bei der Diskussion um Shakespeare nicht ohne die Grammatik und den Wortschatz von Sek I und der EF. Folgerichtig schreibt das Ministerium in den Informationen zu Abitur:

Grundlegende konkretisierte Kompetenzerwartungen aus der Einführungsphase und auch der Sekundarstufe I haben Bedeutung für Abituraufgaben, soweit sie für das Verständnis obligatorischer Themen der Qualifikationsphase notwendig sind. Eine Übertragung der Inhalte aus der Einführungsphase in die Qualifikationsphase oder umgekehrt ist jedoch nicht zulässig, da insbesondere alle konkretisierten Kompetenzerwartungen aus der Qualifikationsphase Grundlage für eine Abituraufgabe darstellen. (MSB NRW, o.J.)

Wir haben in den vergangenen Monaten die Abituraufgaben des Grundkurses im Fach Sozialwissenschaften der Jahre 2014-2024, die zumindest einen ökonomischen Bezug aufwiesen, analysiert, insgesamt 29 einzelne Klausuren. (Dass wir dabei auch fachwissenschaftlich seltsame Dinge gefunden haben, ist in diesem Blogbeitrag beschrieben.) Unter anderem haben wir in den Lösungshorizonten, die für die Korrektur der Klausuren verwendet werden, nach Wortstämmen gesucht, die für grundlegende ökonomische Konzepte stehen. Diese gehen auf die zehn Ideen ökonomischen Denkens nach Mankiw und Taylor (2018) zurück. Das Ergebnis ist ernüchternd: Mikroökonomische Kategorien kommen kaum vor. Zielkonflikte werden zwar im derzeit noch gültigen Kernlehrplan von 2013 aufgeführt (MSW NRW 2013, S. 35), kommen aber im Abitur fast nicht vor (eine Klausur), ebenso wie Opportunitätskosten (keine Nennung). Gleiches gilt für das Konzept der komparativen Kosten (eine Klausur) und Spezialisierung (keine Nennung). Die marginale Revolution (Suchstämme „grenz*“ und „marginal*“) kommt in den Abiturprüfungen und den Erwartungshorizonten gar nicht vor. Auch die Allokation von Gütern wird selten angesprochen: „effizien*“ und „allokat*“ findet sich jeweils in drei Klausuren, allerdings nie als „effiziente Allokation“ zusammen. Auch „gleichgew*“, etwa als Marktgleichgewicht oder ähnliches, kommt nur in zwei Erwartungshorizonten vor. Im mikroökonomischen Bereich kommen dagegen Anreize manchmal vor (neun Klausuren) und Kosten häufig (19 Klausuren), meist in Verbindung mit Diskussionen um den Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Ordnungspolitik allgemein und die Soziale Marktwirtschaft im Speziellen spielt in den Erwartungshorizonten weitgehend keine Rolle (eine Klausur) – entsprechend der Verteilung der Inhalte im Kernlehrplan.

Scheinbar ist also aus Sicht des Schulministeriums – oder besser gesagt der Fachdezernent/innen bei den Bezirksregierungen, bei denen letztlich die Entscheidung über die Aufgabenformulierung liegt (siehe auch diesen Blogbeitrag) – „für das Verständnis obligatorischer Themen der Qualifikationsphase“ (MSB NRW o.J.) die Mikro- und die Ordnungsökonomik sozusagen als Denkgrammatik des akademischen Faches Wirtschaftswissenschaften nicht notwendig. Dass die Klausuren in Sachen ökonomischem Gehalt zwangsweise sehr dünn ausfallen müssen, liegt auf der Hand. Entsprechend der politikdidaktischen Ausrichtung des Faches geht es in den Wirtschaftsklausuren schwerpunktmäßig um Gerechtigkeitsfragen und die Interessen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Im Grunde müssen sich die Schülerinnen und Schüler ökonomisch weitgehend unfundiert um Kopf und Kragen diskutieren. Auch das ist übrigens ein Ergebnis unserer Studie (die bestimmt ganz bald im Tagungsband der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung erscheint)!

Autor: Dr. Marco Rehm, ZÖBIS, August 2026

Literatur:

  • MSB NRW (o.J.): ZA GOSt – Fragen und Antworten. Online unter:  https://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/zentralabitur-gost/fragen-und-antworten
  • Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (MSW NRW) (2013): Kernlehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Sozialwissenschaften und Sozialwissenschaften/Wirtschaft. Düsseldorf. [https://lehrplannavigator.nrw.de/system/files/media/document/file/klp_gost_sowi.pdf]
  • MSB NRW (2025): Kernlehrplan für die Sekundarstufe II. Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Sozialwissenschaften, Sozialwissenschaften/Wirtschaft (Entwurf Beteiligungsverfahren 31.7.2025). Düsseldorf.
  • Rehm, Marco; Pfannmöller, Jürgen; Goldschmidt, Nils (2026): Zentralabitur im Fach Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen: Rückschlüsse auf die Fachkultur. In: Loerwald, Dirk; Goldschmidt, Nils (Hrsg.): Teilhabe und Befähigung durch ökonomische Bildung. Tagungsband der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung. Wiesbaden (im Erscheinen).