Klimapolitik im Schulunterricht: Augen auf bei Unterrichtsmaterial aus dem Internet
„Im Mai 2012 ist der neue Bericht des Club of Rome mit dem Titel „2052 – Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre“ erschienen. Die Studie knüpft unmittelbar an den ersten Bericht des Club of Rome an (…). Heute weiß man, dass die damaligen Szenarien viel zu dramatisch waren (…).“
Quelle: Wirtschaftswachstum und Umweltschutz, Wirtschaft und Schule, 2018, (https://www.wirtschaftundschule.de/unterrichtsmaterialien/staat-und-wirtschaftspolitik/hintergrundtext/wirtschaftswachstum-und-naturschutz)
Im Internet findet sich eine Fülle an zumeist kostenlosen Unterrichtsmaterialien. Das Angebot reicht von Hintergrundtexten bis zu vollständigen Unterrichtsentwürfen. Insbesondere dann, wenn Schulbücher veraltet sind oder der Unterricht von fachfremden Lehrkräften, Praktikant:innen oder Referendar:innen übernommen wird, können ergänzende Lehr- und Lernmaterialien eine hilfreiche Unterstützung bieten. Für die Auswahl der Materialien sind Lehrkräfte im Sinne ihrer pädagogischen Freiheit selbst verantwortlich. Eine staatliche Prüfung oder ein offizielles Qualitätssiegel für zusätzliche Unterrichtsmaterialien gibt es nicht. Dies stellt eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für Lehrende dar, da Qualität und Herausgeber der Materialien häufig schwer zu erkennen sind.
Ich selbst bin keine Lehrkraft, sondern Ökonomin und verbinde in meiner Forschung unterschiedliche ökonomische Perspektiven, insbesondere Ordoliberalismus und Ökologische Ökonomik. Vor kurzem bin ich über das Internetportal „Wirtschaft und Schule“ (WS) gestolpert.
Mein Fundstück des Monats ist der dort veröffentlichte Hintergrundtext „Wirtschaftswachstum und Umweltschutz“ (Wirtschaft und Schule, 2018). Als Bewertungskriterien dieses und anderer Unterrichtsmaterialien eignen sich das Bewertungsraster der Verbraucherzentrale Bundesverband. Das Raster liegt dem Materialkompass Verbraucherbildung für Unterrichtsmaterialien aus den Themengebieten Finanz- und Medienkompetenz, Ernährung und Gesundheit sowie Nachhaltiger Konsum und Verbraucherrechtezugrunde zugrunde. (Verbraucherzentrale Bundesverband , kein Datum)Bereits bei den ersten drei inhaltlichen Pflichtkriterien – Sachrichtigkeit, Kontroversität und Einflussnahme – zeigen sich deutliche Mängel. Anhand von zwei exemplarischen Textstellen, möchte ich die fachlichen Stolperfallen aufzeigen, die sich aus dem Inhalt des Textes ergeben – und aus dem, was darin nicht thematisiert wird:
„Im Mai 2012 ist der neue Bericht des Club of Rome mit dem Titel „2052 – Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre“ erschienen. Die Studie knüpft unmittelbar an den ersten Bericht des Club of Rome an (…). Heute weiß man, dass die damaligen Szenarien viel zu dramatisch waren (…).“
Das Zitat lässt sich der Kategorie „was im Text steht, ist das Problem“ zuordnen. Die in Buchform veröffentlichte Studie „The Limits to Growth. A Report for the Club of Rome’s Project on the Predicament of Mankind“ ist das Ergebnis eines der ersten computergestützten Systemdynamik-Modelle (Meadows, 1972). Das zugrundeliegende Weltmodell World3 simuliert fünf sich gegenseitig beeinflussende Bereich mit globaler Wirkung: Bevölkerungswachstum, Industrieproduktion pro Kopf, Nahrungsmittel pro Kopf, Rohstoffvorräte und Umweltverschmutzung. Bei der Studie des 17-köpfigen Forscher:innenteams handelt es sich um eine so genannte Szenariostudie. Das Ergebnis solcher Szenariostudien ist keine exakte Zukunftsvorhersage, sondern die Darstellung unterschiedlicher möglicher Zukunftspfade auf Basis variierender Modellannahmen und mathematischer Berechnungen.
Eine Kernaussage, die sich aus den damaligen Szenarien ableiten lässt, ist, dass unbegrenztes Wirtschaftswachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen auf Dauer nicht möglich ist. Hinsichtlich der Auswirkungen der Klimakrise waren die Szenarien nicht „viel zu dramatisch“, sondern wurden in Teilen von der Realität übertroffen. Zwar wurde in der Szenariostudie bereits angenommen, dass beim Verbrennen von Öl, Gas und Kohle Kohlendioxid freigesetzt wird. Doch die genaue Wirkungsweise und das Ausmaß der Erderwärmung durch Treibhausgasemissionen (THG) konnten erst in den 1980er Jahren und damit nach der Veröffentlichung von „The Limits to Growth“ umfassend geklärt werden. Ein Vergleich von vier der 1972 veröffentlichten Szenarien mit realen Daten bis zum Jahr 2019 zeigt, dass für viele der Variablen ähnliche Entwicklungen wie in den modellierten Szenarien eingetroffen sind (Herrington, 2020). Dies gilt insbesondere für die beiden Szenarien „Business as Usual 2“ und „Comprehensive Technology“. Die Grundaussage des ursprünglichen Berichts, dass unbegrenztes Wachstum in einer endlichen Welt problematisch ist, bleibt somit weiterhin valide. Die Einordnung des Berichts im Hintergrundtext „Wirtschaftswachstum und Umweltschutz“ ist es hingegen nicht.
„Doch ist es überhaupt möglich, die Nutzung und damit auch die Ausbeutung der Natur vom Wachstum der Wirtschaft zu trennen? Die Antwort muss wohl lauten „Ja, aber“. Zunächst einmal sind zwei Stufen der Entkopplung zu unterscheiden: Eine relative Entkopplung (…) und eine absolute Entkopplung (…)“.
Das zweite Zitat aus dem Hintergrundtext lässt sich der Kategorie „was nicht im Text steht, ist das Problem“ zuordnen, nämlich, dass im wissenschaftlichen Diskurs drei und nicht zwei Entkopplungsarten unterschieden werden:
Relativ entkoppelt sind Wirtschaftswachstum (gemessen in Einheiten BIP) und Treibhausgasemissionen (gemessen in Einheiten CO2-Äquivalente) dann, wenn der Ausstoß von THG-Emissionen langsamer wächst als das BIP oder stabil bleibt. Insgesamt werden also bei wachsendem BIP nach wie vor mehr THG emittiert als in den Jahren zuvor aber die Wachstumsquote ist geringer als jene des BIP.
Absolut entkoppelt sind BIP und THG-Emissionen dann, wenn der THG-Ausstoß nicht nur relativ, sondern auch absolut abnimmt, während das BIP wächst. Nach wie vor werden THG emittiert und die Menge an THG in der Atmosphäre erhöht sich. Es kommen jedoch jedes Jahr weniger neue THG dazu, während das BIP (d. h. die Menge der erwirtschafteten Waren und Dienstleistungen in einem Jahr) weiter steigt.
Kommen wir nun zum springenden Punkt: der dritten Entkopplungsart, die im Hintergrundtext „Wirtschaftswachstum und Umweltschutz“ nicht erwähnt wird. Jährlich neu emittierte THG sollen nicht nur allmählich weniger werden, sondern im Angesicht der gravierenden Folgen der globalen Erwärmung möglichst schnell sinken. Genauer gesagt hinreichend schnell, um ein bestimmtes klimapolitisches Ziel zu erreichen. Für den Ordnungsrahmen des Klimaschutzgesetzes (KSG) in Deutschland bedeutet das: Wenn unsere Wirtschaft weiterhin wächst, muss der Entkopplungsgrad so groß sein, dass unsere Volkswirtschaft trotz wachsendem BIP spätestens im Jahr 2045 netto klimaneutral ist. Diese Vorgabe besteht seit der Verschärfung des KSG durch dessen erste Novellierung. Für diese hinreichend absolute Entkopplung gibt es im Unterschied zur relativen und absoluten Entkopplung allerdings keinerlei Evidenz (Haberl, et al., 2020). Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es keine empirischen Belege für die Möglichkeit einer solchen Entkopplung. Gleiches gilt für eine hinreichend absolute Entkopplung des BIP von weiteren Umweltverbräuchen, wie bspw. dem Biodiversitätsverlust (EEB, 2019). Zudem wäre das Emissionsrestbudget Deutschlands bei einer globalen Gleichverteilung bereits deutlich vor 2045 erschöpft (IPCC, AR6/WG1, 2021). Einen Überblick über die unterschiedlichen Entkopplungsarten zeigt die untenstehende Abbildung.

Im Hintergrundtext der Lernplattform WS entsteht durch das Auslassen der dritten und entscheidenden Entkopplungsart fälschlicherweise der Eindruck, dass unser BIP wie bisher wachsen kann, während wir unsere klimapolitischen Ziele trotzdem – oder gerade deshalb – erreichen. Dieser Zusammenhang ist empirisch nicht haltbar. Ansätze suffizienter (d.h. genügsamer) Konsummuster, die eine effiziente und umweltfreundlichere Produktion ergänzen, werden im Hintergrundtext nicht berücksichtigt.
Was ergibt sich daraus für die pädagogische Freiheit von Lehrkräften bei der Unterrichtsgestaltung? So anstrengend, unübersichtlich und zeitraubend die Überprüfung von Material auch sein mag, Freiheit verpflichtet. Oder anders ausgedrückt: Augen auf bei Unterrichtsmaterial aus dem Internet! Es liegt jedoch vor allem in der Verantwortung der Anbieter:innen von Lernplattformen, die fachliche und didaktische Aktualität ihrer Unterrichtsmaterialien regelmäßig zu überprüfen. Schließlich liegt der Mehrwert ergänzender Unterrichtsmaterialien u.a. in ihrer Aktualität. Aufgrund der Pluralität der Wirtschaftswissenschaften, ist eine fachliche Überprüfung von Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte keine leichte Aufgabe. So könnte eine Einordnung des Hintergrundtextes von Ökonom:innen mit Nähe zu anderen Denkschulen (z.B. der Umweltökonomik, österreichischen Ökonomik oder Neoklassik) zu anderen Schlussfolgerungen kommen. Dies gilt für Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen. Nicht jedoch für die Ansprüche wissenschaftlicher Methoden oder empirischer Datengrundlagen (z.B. den Emissionsrestbudgets des IPCC) – denn wissenschaftliche Pluralität bedeutet nicht „anything goes“. Umso wichtiger ist es, bei der Auswahl von wirtschaftswissenschaftlichem Unterrichtsmaterial das Kriterium der Kontroversität zu berücksichtigen. Zu wissen, dass es in der Volkswirtschaftslehre häufig nicht „die eine Wahrheit“, sondern unterschiedliche Perspektiven gibt, ermöglicht es Schüler:innen, tagespolitische Geschehnisse und ökonomische Debatten besser einzuordnen. Mein Fundstück des Monats ist exemplarisch für viele weitere veraltete oder fachlich unscharfe Unterrichtsmaterialien auf verschiedensten Lernplattformen. Ziel dieses Blogbeitrages ist es daher nicht, einzelne Lernplattformen positiv oder negativ hervorzuheben. Vielmehr möchte ich mit einem Plädoyer für eine tiefergehende Fachlichkeit in der Lehramtsausbildung abschließen. Nur wenn angehende Lehrkräfte mit einem Werkzeugkoffer aus Fachwissen und wissenschaftlichen Methoden ausgestattet werden, ist es ihnen möglich, dem Anspruch ihrer pädagogischen Freiheit gerecht zu werden.
Autorin
Sarah Lange, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Kontextuale Ökonomik und ökonomische Bildung, Universität Siegen
Literatur
EEB. (2019). Decoupling debunked – Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability.
Haberl, H., Dominik, W., Virag, D., Kalt, G., Plank, B., Brockway, P. et al. (2020). A systematic review of the evidence on decoupling of GDP, resource use and GHG emissions, part II: synthesizing the insights. IOP Science. DOI:10.1088/1748-9326/ab842a
Herrington, G. (2020). Update to limits to growth: Comparing the World3 model with empirical data. Journal of Industrial Ecology, 25(3), S. 614-626. https://nrs.harvard.edu/URN-3:HUL.INSTREPOS:37364868
IPCC, AR6/WG1. (2021). Climate Change 2021: The Physical Science Basis.
Meadows, D. H. (1972). The limits to growth: a report for the Club of Rome’s project on the predicament of mankind (4 Ausg.). New York: Universe books.
Verbraucherzentrale Bundesverband . (kein Datum). Von Verbraucherbildung: https://www.verbraucherbildung.de/materialkompass
Wirtschaft und Schule. (2018). Von Wirtschaftswachstum und Umweltschutz : https://www.wirtschaftundschule.de/unterrichtsmaterialien/staat-und-wirtschaftspolitik/hintergrundtext/wirtschaftswachstum-und-naturschutz